Glaubenskommunikation & Kirchenentwicklung: Impulse für die Kirche der Zukunft.
Veröffentlicht am 28.05.2026 / 00:01
In dieser Sonderfolge des Windhauch-Podcasts, live aufgezeichnet auf dem Katholikentag 2026, begrüßt Moderator Tobias Sauer die katholische Theologin Lisa Quarch. Seit Anfang des Jahres bekleidet sie das Amt der geistlichen Leiterin im Bundesvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Zuvor war sie als Pastoralreferentin im Bistum Limburg sowie als erfolgreiche Content-Creatorin auf Instagram und TikTok aktiv.
Der rote Faden des Gesprächs dreht sich um die Frage, wie eine zukunftsfähige Kirche aussehen kann, die den statischen Blick auf die klassische Pfarrgemeinde überwindet. Lisa Quarch plädiert leidenschaftlich für eine lebendige, suchende Kirche, die Räume für persönliche Glaubensbiografien öffnet, anstatt Menschen in dogmatische Schablonen zu pressen. Von innovativen Formaten wie einer Frankfurter „Trinkhallentour“ über das Konzept der „spirituellen Autonomie“ bis hin zur gelebten Synodalität der Jugendverbände bietet die Episode eine theologische und praxisnahe Reflexion über Macht, Tradition und die Freiheit des Evangeliums.
Gleichberechtigte Vorstandsarbeit: Lisa Quarch betont, dass sie als geistliche Leiterin vollfertiges Mitglied des Bundesvorstands mit den gleichen Rechten und Pflichten ist.
Lobbyarbeit für die Jugend: Die Kernaufgabe des Vorstands liegt in der politischen und kirchlichen Interessenvertretung für junge Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche.
Theologische Akzente: Ihr spezifischer Schwerpunkt liegt in der liturgischen Verantwortung für Gottesdienste bei Veranstaltungen sowie darin, auf Podien und im Diskurs eine dezidiert christliche und kirchliche Perspektive einzubringen.
Eigene Sozialisation außerhalb der Pfarrei: Obwohl sie aus einem ökumenischen Elternhaus kommt und traditionelle Stationen wie die Erstkommunion durchlaufen hat, fand sie ihren eigenen Glauben nicht in einer klassischen Gemeinde, sondern in der Jugendkirche Cafarnaum in Aachen.
Zielgruppenorientierung statt Monopol: Die klassische Pfarrgemeinde leistet wertvolle Arbeit durch engagierte Menschen vor Ort, erreicht aber nur noch eine ganz bestimmte Zielgruppe. Für jüngere oder anders sozialisierte Menschen braucht es persönlichere, direktere und mobilere Formen des Austauschs abseits etablierter Kirchenräume.
Dynamisches Kirchenbild: Die Zukunft der Kirche liegt laut Quarch nicht in der Rückkehr zu einer reinen Pfarreistruktur, sondern in der ständigen, dynamischen Anpassung an aktuelle Bedürfnisse. Ein Beispiel aus ihrer eigenen Praxis in Frankfurt ist eine „Trinkhallentour“, bei der spirituelle Impulse und Gebete in den städtischen Alltag integriert wurden.
Maßstab der Liebe Gottes: Unter Berufung auf Kirchenväter wie Augustinus und biblische Zeugnisse von Paulus betont sie, dass sich alle Texte und Gesetze an der Liebe Gottes messen lassen müssen. Wenn dies nicht gegeben ist, läuft etwas falsch.
Theologische Redlichkeit statt Marketing: Forderungen nach dem Frauenpriestertum oder der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare entspringen nicht dem Versuch, die Kirche „attraktiver“ zu machen. Es geht um theologische Redlichkeit, da die alten Gegenargumente wissenschaftlich längst widerlegt sind. Ziel muss immer die Arbeit am Reich Gottes sein, das Menschen Freiheit und Sicherheit garantiert.
Kritik an kirchlichen Machtstrukturen: Quarch und Sauer kritisieren, dass theologische Argumente oft zugunsten von reinen Machtinteressen („Machttheologie“) instrumentalisiert werden, anstatt sich auf die wissenschaftliche Fundierung und die Quellen zu berufen.
Die Sakramente als Kraftquelle: Die katholische Kirche ist Quarchs spirituelle Heimat. Insbesondere die sieben Sakramente und die regelmäßige Feier der Eucharistie sind für sie unverzichtbare Kraftquellen für ihr spirituelles Leben und ihre Gottesbeziehung.
Der katholische Erkenntnisweg: Sie schätzt das gleichwertige Nebeneinander der drei theologischen Erkenntnisorte: Bibel, Tradition und Lehramt. Die Bibel steht nicht isoliert über allem, sondern ist zutiefst auslegungsbedürftig und muss immer wieder in unsere heutige Zeit hinein kontextualisiert werden (Verheutigung).
Den Raum nicht überlassen: Sie verspürt keinerlei Intention, die Kirche zu verlassen. Sie möchte den kirchlichen Raum bewusst mitgestalten und ihn nicht den Kräften überlassen, die andere Menschen verdrängen wollen.
„Ich möchte Menschen in eine größere Freiheit führen, dass sie sich selbst besser kennenlernen, dass sie Gott besser kennenlernen, dass sie rausfinden können: Wie möchte ich leben?“
Abkehr von Manipulation: Angelehnt an Schriften der Theologin Doris Reisinger warnt Quarch davor, pastorale Arbeit rein darauf auszurichten, Menschen am Ende „christlich machen“ zu wollen. Dies grenze an spirituelle Manipulation.
Freiheit und Selbstbestimmung: Gute Glaubenskommunikation (z. B. auf Social Media) setzt auf die Ich-Perspektive und das Zeugnis, stärkt jedoch die spirituelle Selbstbestimmung des Gegenübers. Ziel ist es, Menschen zu begleiten und zu unterstützen, damit sie in Freiheit selbst entscheiden können, ob und wie sie glauben und leben wollen.
Lernorte für Synodalität: Während die verfasste Kirche mühsam um synodale Strukturen ringt, praktizieren die Jugendverbände (wie KJG oder PfadfinderInnen) seit Jahrzehnten demokratische Selbstorganisation, Diskurs und synodale Prozesse. Hier kann die Gesamtkirche direkt von der bestehenden Expertise lernen.
Unerschöpfliches Engagement: Trotz sinkender finanzieller Ressourcen an manchen Orten widerspricht Quarch der These, dass der Kirche die engagierten Menschen ausgehen. Das Engagement verschiebe sich lediglich an neue Orte und in Formen, die besser zu den Lebensrealitäten passen.
Zukunftsvision digitale Jugendarbeit: Als wichtige Weiterentwicklung für die verbandliche Zukunft sieht sie den verstärkten Ausbau der digitalen Jugendarbeit auf Plattformen wie Discord, Twitch und TikTok, um junge Menschen dort abzuholen, wo sie sich ohnehin bewegen.